Meine Position


„Position“ heißt hier niemals Stellungnahme zu diesem oder jenem (aktuellen) Geschehen. Ich äußere mich ausschließlich zu literarischen, evtl. auch zu historischen Dingen.

Hundert Zeilen über SF

Hundert Zeilen ... Wer soll damit fassen, was nun seit fast – nennen wir Verne und Wells fairerweise SF-Autoren – oder gar hundert Jahren – akzeptieren wir Laßwitz – lebt? Lebt es? Die Literaturärzte haben jenem Subjekt in seltener Einigkeit das Nie-Leben und allenfalls den sofortigen Exitus bescheinigt. Abgetan. Begraben. Vergessen. Tot.

Und es bewegt sich doch!

Voilà! Ein Gespenst geht um in der Welt des Industriezeitalters, das Gespenst der SF. Niemand kann es fest anpacken und in Gebote und Verbote pressen – wem das nebelhaft umschriebene Wesen erscheint, der hütet sich, davon allzu laut zu reden. Denn, nicht wahr, es ist unter unserem Niveau, so etwas zu lesen ..., und wenn, so haben wir sofort und lauthals „Müll!“ dazu zu sagen.
Anständige Leute lesen anständige Bücher. Verstehen tun sie sie oft nur halb, gefallen tun sie ihnen höchst selten; aber von ihnen dürfen sie beim Smalltalk mit der Frau des Chefs sprechen, und eventuell vermögen sie damit anderen Leuten gegenüber das Flair hoher Bildung vorzuführen.
Zu alledem taugt gute SF ebenso wenig wie ein guter Krimi. Beide fordern Denkvermögen und Denkfreude.
„Wieso ist es für Sherlock Holmes so wichtig, dass der Hund nicht gebellt hat?“ Da hilft eloquent schwätzen nichts, da muss man denken.
„Wie kann Andrew Harlan den Lauf der Zeiten in der EWIGKEIT zerbrechen und ihr das Ende bereiten?“ Nur sehr naive Menschen rufen flugs nach einer Super-Hyper-Maschine. Zuvor gilt es zu verstehen.
Mehr noch: Manchmal berührt, was anfangs nur logisches Denkspiel zu sein scheint, auch uns selbst. „Wie sind die Vorgänge in Ray Bradburys ‚Das Kinderzimmer [The Veldt]‘ zu erklären?“ Der Leser wird es erkennen – aber unterhalb des Stolzes auf seinen Verstand wird irgendwann tief in ihm ein schrecklicher Verdacht erwachen: „Ist, was da steht, nur ein Abbild der Dinge ... im Zimmer meiner Kinder? Regieren dort etwa nicht Videorecorder und Spielkonsole? Welche Folgen kann, wird, muss das haben?“ Denkvermögen und Denkfreude, eben frisch geschult, werden ihm antworten.
Indes: Die Antwort dürfte ihm kaum gefallen, und ihr gegenüber hilft Smalltalk-Gerede erst recht nicht.

Gut zu fragen, nach Wahrheiten zu suchen, justiert den Kompass.

Man mag der SF der verstorbenen DDR (und analog der der Nachbarstaaten) manches rechtens vorwerfen. Doch anteilig zum überhaupt Erschienenen hat sie solche Fragen öfter angepeilt als zu erwarten; öfter auch, als es die heute erscheinende SF tut (von der Fantasy kaum zu reden). Das ist nicht primär ost- oder westdeutsch. Zu beantworten ist die Frage, ob man sich mit Vorhandenem abfindet und/oder arrangiert, oder ob man Denkvermögen und Denkfreude an die Aufgabe setzt: „Geht es anders? Besser?!“
Zugegeben, die Umstände jener Epoche gaben den Ossis eine gute Trainingsstrecke. Die sind dadurch im Vorteil. Sie könnten ihn durch Trägheit aber auch verlieren.
  1. Sie könnten ihr Bestreben abtun, lesbar zu schreiben; nicht für abzählbare Minderheiten, sondern für Frau/Herrn Jedermann. Wer zum Lesen ein Diplom benötigt oder das „Handbuch zum Universum XY“, wird dem Erzählten niemals wirklich trauen. Er wird nie dort sein. Ich bin parteiisch, aber in Bernd Ulbrichs von Meteoren bedrohtem Raumschiffwrack („Die Überlebenden“) bin ich „gewesen“, die rückgratlosen Ausflügler kannte ich allzu gut.
  2. Sie könnten ihr Ziel verlieren, glaubhaft zu erzählen. Stanisław Lems „Test“ war ein Test und kein echter Flug, okay; aber verflixt, was zwei simple Fliegen dem Piloten Pirx antaten, konnte schon geschehen ... Und Obrutschews „Plutonien“-Zugang, war der etwa unlogisch? Im Gegenteil.
  3. Sie könnten auf die Mühe verzichten wollen, unterschwellig Aussagen einzubauen. Warum gehörten beispielsweise Gert Prokops Timothy-Truckle-Storys zu den beliebtesten Texten? Doch gewiss nicht, weil der Autor den Klassenfeind USA schlecht aussehen ließ. Das glaubte wohl nicht einmal der Kulturminister. (Oder doch? Ich ahne es nicht.) Jeder wusste, was gemeint war, wenn Prokop über den Geheimdienst NSA, die „Käseglocke der Isolation“, die bedenkliche Umweltlage usw. herzog. Er gab verschwiegenen Problemen Bilder und Worte. – Auch heute gibt’s viele Probleme, die der Bilder uznd Worte bedürfen.
  4. Sie könnten den Anspruch aufgeben, gut zu schreiben. Das wäre das Allerärgste. An schlechten Texten herrscht kein Mangel.
Manche Bücher sind vergessen – und einige waren das bereits vierzehn Tage nach Erscheinen: damals wie heute. Auch wird nicht jeder meine Meinung teilen, welche Werke Bestand haben werden, und wie lange. So etwas ist zeitunabhängig, und für die Ewigkeit ist nichts gebaut, das wussten schon die Alten. Aber die SF aus dem Land zwischen Werra, Harz, Ostsee und Oder hat ihre Bausteine in das immer noch im Wachsen befindliche Schloss der Phantastik gefügt. Wer sie entfernen will, muss den Bau einreißen.
Er möge sich hüten
Aus „Lichtjahr 7“, Leipzig, 1999, © Rolf Krohn


Moderne Geschichte?

Man hat mich gefragt, warum meine historischen Erzählungen so modern ausgestattet sind. Die Antwort scheint mir darin zu wurzeln, dass man heute nicht mehr wie vor zwanzig, dreißig Jahren schreiben kann. Dafür gibt es zwei Gründe.
Die Phantastik hat sich zu einer fast unentbehrlichen Methode entwickelt. Zunächst ist jede Darstellung der Vergangenheit notwendig phantastisch. Selbst wenn man die Lücken der Geschichtsschreibung übersähe – kann ein heutiger Leser das Denken und Fühlen eines Bronzezeit-Menschen begreifen? Keineswegs. Im Gegenteil, je realer der Autor die damaligen geistigen Verhältnisse reproduziert, desto unverständlicher und wertloser wird die betreffende Figur für den Leser. Die Akteure einer Handlung sollen historisch real und literarisch wirksam sein. Je weiter man sich von der Gegenwart entfernt (nach beiden Seiten übrigens), desto unmöglicher wird es, beide Forderungen zu vereinigen.
Um mich aus dieser Zwickmühle zu befreien, schien mir eine vorsichtige Modernisierung der Figuren das geringere Übel. Darum denken und reden meine Helden beispielsweise rational. Könnten wir ihnen sonst folgen, ihnen zustimmen, ihre Fehler erkennen, sie tadeln? – Aus dem ersten Schritt folgt der zweite: Die reale Geschichte engt ein – zeitlich, geistig, technologisch usw. –, warum nicht zu einer imaginären (den Wünschen des Autors genehmen) Geschichte übergehen? Freilich muß sie gewisse „Randbedingungen“ erfüllen. In der Gegenwartsliteratur ist das Benutzen fiktiver Orte durchaus gebräuchlich. Darum glaube ich, dass die Pseudohistorik bislang zu Unrecht vernachlässigt wurde.
Man muß als Zweites akzeptieren, dass der heutige Leser ein Konsument verschiedener Medien ist und durch Film und Fernsehen gewisse Situationen und Handlungselemente schon oft und reich variiert erlebt hat. Daher sollte sie der Autor kurzerhand als bekannt voraussetzen. Insofern kann sich die Literatur heute stärker auf ihre spezielle Aufgabe konzentrieren: Gedanken, Gefühle, Assoziationen, Erkenntnisprozesse usw. Was damals geschah, kann der Film bisweilen leichter und anschaulicher darstellen; wie es geschah, fällt seinen Mitteln ebenso leicht. Aber das Warum-Warum-nicht kann nur die Literatur bewältigen. Sie kann übrigens auch Fragen für den Leser offenlassen.
Daraus ergaben sich für mich anfangs ungewohnte Schwerpunkte – sie machen die Situationen und Personen automatisch moderner. Womit wir wieder am Anfang stünden.
Aus „Bestandsaufnahme 2“, Halle-Leipzig, 1981, © Rolf Krohn