(Johannes Tralow)    Biografie

Der Außenseiter: Johannes Tralow

„Bei der Eroberung Konstantinopels wurden mehr Menschen ins Leben gerufen als daraus vertrieben.“
Ein böser Satz? Allemal ein höchst zweideutiger Satz. Gewiss, die osmanische Armee hat, als sie im Jahr 1453 die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches erstürmte, viele tausend Menschen umgebracht zehntausende möglicherweise. Vom anderen wissen wir naturgemäß nichts.
Auch Johannes Tralow wusste es nicht, als er die Zeilen schrieb. Positiv deuten wollte er jenes Ereignis gewiss nicht. (Übrigens rechnet Stefan Zweig die Eroberung Konstantinopels zu den „Sternstunden der Menschheit“, zu den düsteren freilich.) Nein, er war stets jemand, der die Dinge von anderer Seite zu sehen versuchte. Das war sein Ruhm, darum kennt ihn eine bestimmte Altersgruppe der Deutschen, und das hat ihn zuerst ins Abseits und dann zu den Vergessenen geschoben.
Fast Thomas Manns Altersgenosse und wie dieser aus Lübeck, führten ihn Umwege zur Literatur. Eine dieser Schleifen passierte den Orient. Der ließ ihn nicht mehr los - aber nicht als Staffage abenteuerlich-exotischer Geschichten. Nein, Tralow nahm sich ernstlich der Kultur und des geistigen Umfelds an, sogar der Religionen.
Ein Autor, der Toleranz predigte, Heldentum und große Führergestalten dagegen kritisch sah, missfiel den Nazis und diese ihm.
Hier freilich scheiden sich die Geister. Thomas Mann, konsequenter, ging ins Exil. Johannes Tralow wählte die innere Emigration: Anpassung, zumindest Schweigen. Daran zerbrach unter anderem die damalige Ehe. Und er schrieb 12 Jahre lang Bücher, die nirgends aneckten - und die, milde gesagt, meist nicht seine besten waren.
Wenigstens sammelte er geduldig Material: Bausteine zu den Büchern, die dann in rascher Folge erschienen und seinen Ruhm begründeten, vor allem die vier Romane über das Osmanische Reich. Aus einem, aus „Irene von Trapezunt“, stammt das obige Zitat.
Dass er sich nach 1945 wie viele der zur Nazizeit Verfemten der DDR zuwandte, hat sie ihm zeitlebens gedankt. Höchste Orden erhielt er zwar nie, man druckte ihn aber als „bürgerlich-progressiven Autor“. Wohl auch, weil sich seine Bücher der aktuellen Politik fern hielten. Die Auflagen waren für DDR-Maßstäbe klein und jedes Exemplar begehrt.
Seinen Lesern gab er, was sie nicht kannten: die Welt des Orients, die Kultur des Hochislams, die Toleranz gegenüber anderen Sitten, eine vorurteilsfreie, humanistische Gesinnung, den Blick von anderer Seite (Da ist das Prinzip wieder!) auf Deutschland und Mitteleuropa. Zugegeben, er hat dabei auch geschönt. Welcher Autor tat und tut es nicht?
Und er stellte Frauen ins Zentrum, was seinerzeit ungewöhnlich war: gebildete, gleichberechtigte Frauen, weder Spielzeuge fürs Bett noch feministische Lautsprecher.
Ein paar Jahre so etwas wie der Ruhm des Außenseiters, und dann ...
Fernseher eroberten die Wohnungen und machten Fremdes bekannt. Westwärts der deutsch-deutschen Grenze rollte die „Reisewelle“. Johannes Tralow verlor erst dort, dann im Osten an Boden.
Die Zeit lief zunehmend an ihm vorbei. Das Frauenbild wandelte sich. Der Jugend - eher naturwissenschaftlich als klassisch gebildet - fehlten die Voraussetzungen als Tür in seine Literatur. Junge Leser lasen anderes, sie lasen zumal weniger. Johannes Tralows letztes Buch („Mohammed“ - es galt dem Propheten) wurde kaum noch beachtet. Er schwieg.
Die Staatsverlage wollten primär „sozialistischen Realismus“, den bot er nicht. Die Anderen? Experimentiert hatte er zur Zeit des Ersten Weltkriegs, nun schrieb er konventionell. Mit den systemkritischen Autoren der DDR verbanden ihn weder Form noch Themen. Johannes Tralow stand auf dem Boden des Bildungsbürgertums, da stand er fest - aber allein.
Als er 1968 starb - nach den meisten seiner Generation -, hat das kaum jemand bemerkt.
Seine Bücher wurden weiter gedruckt; nun lagen sie auch auf statt unter dem Ladentisch. Doch das war schon ein böses Zeichen.
Dann kamen andere Zeiten. Es wäre einer Recherche wert, ob auch Tralows Bücher auf den berüchtigten Müllkippen unabsetzbarer DDR-Literatur landeten.
Aber wer sie gelesen hat, schätzt den stillen, fleißigen, unauffälligen Mann.



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